Virtuelle Musik – gekommen, um zu bleiben

Das Konzertgeschäft steht weiterhin auf sehr wackligem Boden. Auch auf absehbare Zeit werden Veranstaltungen nicht oder nur sehr eingeschränkt stattfinden können.

Wenngleich das wohl die richtige Entscheidung ist, um die weitere Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, sind damit weiterhin viele Menschen in der Musikindustrie gefährdet – insbesondere Künstler und Veranstalter, die mehr denn je auf Tourneen angewiesen sind, um über die Runden zu kommen.

Aber es gibt zumindest ein wenig Hoffnung. Was bislang als Nische galt, erweist sich jetzt als einer der besten Wege, um mit den Fans in Kontakt zu bleiben und wenigstens etwas Geld zu verdienen: Livestreaming. So waren es denn auch Musiker in den Hochrisikogebieten, die nach den ersten Konzertabsagen begannen, ihr Konzerte im Internet zu übertragen.

Zunächst in China, wo tausende Veranstaltungen abgesagt werden mussten und so der lokalen Wirtschaft Millionen an Einnahmen verloren gingen. Die Künstler und Labels nutzen sehr schnell Social Media und Video-Plattformen wie WeChat, um mit ihren Fans in Verbindung zu bleiben.

Auch das Opernhaus in Venedig streamte sehr zügig zahlreiche Konzerte aus leeren Theatern zu seinen Zuschauern – mittlerweile eine gängige Praxis vom kleinen Wohnzimmerkonzert bis zu kompletten Festivals.

Nicht unerwähnt darf hier auch das Projekt UnitedWeStream bleiben, dass äusserst schnell zu Beginn der Pandemie auf die Situation der geschlossenen Clubs in Berlin reagierte.

Virtuelle Konzerte sind (noch) kein finanzieller Ersatz für echte Konzerte 

Das virtuelle Konzerte nicht die Einnahmen generieren, die durch echte Veranstaltungen möglich waren, scheint mehr als offensichtlich zu sein. Dennoch lohnt es sich, genauer hinzusehen. Natürlich ist es erst einmal unwahrscheinlich, dass sich damit das gleiche Geld verdienen lässt wie mit einer realen Tournee. Mit anderen Worten, die fehlenden Einnahmen lassen sich durch virtuelle Formate nur unzureichend kompensieren. Allerdings gilt das erst einmal nur eingeschränkt für die einfache Übertragung realer Konzerte auf das digitale Medium. Damit ist noch nicht gesagt, dass, wer sich frühzeitig und langfristig mit virtuellen Events auseinandersetzt, am Ende nicht doch völlig neue Einnahmequellen erschliessen kann. Um ein Gefühl für die Möglichkeiten zu bekommen lohnt ein Blick in die Gaming Industrie, wo schon lange nicht mehr die Hauptumsätze durch den Verkauf von Spielen generiert werden.

Momentan gilt es noch zu akzeptieren, dass Konsumenten es nicht gewohnt sind, für einfache Live-streams zu zahlen. Das Format hat eher den Ruf, auf einfache Art und Weise mit den Künstlern via Social Media in Kontakt zu kommen oder als Ergänzung für grosse Veranstaltungen, um ein erweitertes Publikum zu erreichen. So schaffte es das Coachella Festival mit seinem Livestream 82 Millionen Nutzer allein am ersten Wochenende zu erreichen.

Technisch anspruchsvollere Lösungen mit Virtual Reality sind noch weiter davon entfernt, mit den Einnahmen aus Live-Übertragungen konkurrieren zu können. Die mangelnde Bereitschaft der Nutzer, sich die entsprechende Hardware anzuschaffen, steht der Verbreitung solcher Lösungen deutlich im Weg, selbst wenn das Liveerlebnis eine deutlich höhere Immersion verspricht. Ganz abgesehen von der Bereitschaft, zusätzlich für Inhalte zu bezahlen. Dennoch ist es für Künstler und Vermarkter sehr empfehlenswert, sich damit zu beschäftigen und erste Erfahrungen zu sammeln. Denn alle Vorhersagen sehen für den Markt für erweitere Realitäten, zu denen neben Virtual Reality auch Augmented und Mixed Reality zählen, eine rosige Zukunft voraus. Zum einen, weil sich die Hardware technologisch und preislich rasant entwickeln wird. Aber auch, weil sich Nutzerverhalten anpasst. 

Das Staatstheater Augsburg zeigt das eindrucksvoll mit einem Lieferservice für sein VR Theater. Bereits vor der Coronakrise wurden dort VR Brillen für die Inszenierung der Oper „Orfeo ed Euridice“ angeschafft, um die Zuschauer während der Vorführung in eine virtuelle Hölle entführen zu können. Unter den neuen Umständen wurde daraus kurzerhand ein Theater für zu Hause.  Dazu bestellen die Interessenten auf der Website des Theaters einfach eine VR Brille, die sie dann zum vereinbarten Zeitpunkt kontaktlos nach Hause geliefert bekommen. Die Bedienung ist denkbar einfach, da das Theatererlebnis startet, sobald die Brille aufgesetzt wird. Schon befindet der Zuschauer sich in einem 360° Video und kann entspannt vom eigenen Wohnzimmer aus dem Ballett, der Oper oder dem Schauspiel folgen. Bis nach Ende der Aufführung die Brillen ebenso kontaktlos wieder abgeholt werden.

Selbst wenn Künstler es schaffen, ihren Livestream hinter einer Paywall zu stellen, ihren Fans also normale Tickets zu verkaufen, stellt sich die Frage, wie sich eine Interaktion mit dem Publikum aufbauen lässt, die dieses Geld Wert ist und sich denn auch deutlich vom einfachen Versenden von Inhalten unterscheidet. 

Virtuelle Konzerte sind (noch) kein kultureller oder emotionaler Ersatz für reale Konzerte 

Angesichts des hohen Aufwandes, der in der Vorbereitung und Durchführung eines realen Konzerts oder Festivals steckt, scheint es verlockend, diese Formate einfach zu kopieren und in eine virtuelle Umgebung zu packen. Leider ist es nicht so einfach. 

Pat Shah, Head of Music Strategy and Licensing bei twitch beschreibt es so: „live-streaming requires a different mindset than just uploading a video. It’s more like a FaceTime conversation. It’s a raw, intimate experience that creates a deep emotional connection with your viewers.” So ein FaceTime-Gespräch mit den Fans aus der Ferne zu führen, ist also eine gänzlich andere Angelegenheit, als einfach auf der Bühne zu stehen und eine choreografierte Performance vorzuführen. Etwas, auf das nicht jeder Künstler vorbereitet ist. Zum einen ist es viel interaktiver, intimer und persönlicher. Zum anderen aber auch unkomplizierter und weniger aufdringlich.  

Zudem müssen sich die Künstler fragen, ob die Fans, die eine Eintrittskarte für ein reales Konzert gekauft hätten, zwangsläufig mit denen übereinstimmen, die an einem eher zwanglosen und intimen Erlebnis interessiert sind. Oder von der anderen Seite her betrachtet, ist das Publikum bei einem Online Livestream  notwendigerweise an der gleichen, aufwendig produzierten Art von Show interessiert, die der Künstler seinem realen Livepublikum darbieten würde.

Das ist bei weitem nicht alles deckungsgleich, weshalb die einfache Übersetzung von real nach digital nicht funktioniert bzw. meist auch nicht weit genug geht.

Künstler, die es geschafft haben, eine signifikante Bedeutung auf Plattformen wie beispielsweise twitch aufzubauen, begnügen sich nicht mit virtuellen Live-Shows. Sie gewähren ihren Fans auch einen Blick hinter die Kulissen bei Proben, Konzerten oder anderen Aufnahmen. Sie verbringen auch einfach so Zeit mit ihrer Followerschaft und beantworten ihnen Fragen, die nicht unbedingt nur mit ihrer Musikkarriere zu tun haben. Oft streamen sie auch deutlich länger als bei einer typischen Live Show. 

Egal, wie sie es anstellen. Es funktioniert immer am besten, wenn sich die Künstler mit dem neuen Medium auskennen, was wiederum voraussetzt, dass sie frühzeitig Erfahrungen sammeln und auch offen für den Umgang mit Fehlern sind, die immer dabei auch passieren können.

Virtuelle Konzerte sind (bald) keine Nische mehr

So sehr der Wunsch von Künstlern und Publikum nachvollziehbar ist, wieder einen engeren, räumlichen Kontakt in der realen Welt zu haben, so deutlich gilt es doch zu machen, dass das nicht sehr bald und auch nicht so wie vor der Coronakrise möglich sein wird.

Aber auch darüberhinaus gibt es mindestens zwei wichtige Gründe, die für die mittel- und langfristige Etablierung virtueller oder hybrider Musikformate sprechen und folglich eine intensive Beschäftigung mit diesem Thema rechtfertigen. Da wäre einerseits das wichtige Thema der Nachhaltigkeit von Veranstaltungen. Zwar ist der Klimawandel durch die Coronakrise etwas aus der Wahrnehmung, allerdings keinesfalls aus der Welt verschwunden. Im Gegenteil, lassen sich doch die Ursachen für den Virus auch in dem wenig nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt finden. Andererseits stellen virtuelle Events auch eine gewichtige Antwort auf die Frage nach der Zugänglichkeit von Veranstalltungen dar. Angefangen bei den finanziellen Ressourcen, die nicht jedem, der gern ein Konzert besuchen würde, zur Verfügung stehen. Ferner körperliche Einschränkungen, die längst nicht jedem die aktive Teilnahme am kulturellen Leben ermöglichen. Bis hin zu Diskriminierungen auf Grund von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung oder anderen Gründen der Ausgrenzung.

Zwar sind virtuelle Formate aus den oben beschriebenen Gründen ein (noch)  unvollkommener Ersatz für reale Erlebnisse, aber es wird für Konzert- und Konferenzveranstalter in Zukunft mehr und mehr üblich sein, Livestreaming in ihre Veranstaltungen zu integrieren. Es mag bedauerlich sein, dass es erst einer globalen Pandemie bedurfte, um darüber nachzudenken, wie man Live-Veranstaltungen einem breiteren, globaleren Publikum zugänglicher und für die Umwelt nachhaltiger machen kann. Nur kennen wir das schon aus unserer Vergangenheit, wo es Extremsituationen brauchte, um den längst überfälligen Einsatz neuer Technologien zu fördern.

Eine Verlagerung hin zu virtuellen Ereignissen kann ebenso ein Beschleuniger für andere Innovationen wie Augmented-Reality sein oder neue Partnerschaften fördern, wie beispielsweise zwischen der Musik- und der Gamingindustrie. Plötzlich sieht der Auftritt von Travis Scott in Fortnite nicht mehr nur wie ein innovativer Stunts aus, sondern vielmehr nach einer skalierbaren Antworten auf die Beschränkungen der realen Welt, mit denen wir heute konfrontiert sind.

Schreibe einen Kommentar