Wie man eine echt unechte Party feiert

Wie man eine echt unechte Party feiert

Angesichts der wenig erfreulichen Perspektive, dass grössere Clubparties auf lange Sicht noch nicht stattfinden werden können, lässt sich entweder auf Outdoor Events ausweichen oder tatsächlich mal intensiv darüber nachdenken, ob sich zumindest ein Teil des Partyerlebnisses nicht auch online erzeugen lässt.

So ähnlich dachten wohl auch die Macher des Co-Reality Collectives, also sie bereits im April die erste Ausgabe ihrer „realest Party on the internet“ veranstalteten. Das interessante an der mittlerweile 9. Onlineparty ist, dass dazu wenig mehr benötigt wird als die Videokonferenzsoftware Zoom, die jeder von uns mittlerweile mindestens einmal irgendwo ausprobiert haben dürfte. Einmal mehr zeigt sich damit, dass es viel weniger auf die Technologie als auf ein schlüssiges und durchgängiges Konzept und eine interessante Geschichte und gestalterische Umsetzung ankommt.

Zu Recherchezwecken stürzte sich der Autor also in die bis dato 4. Ausgabe der Party, die im etwa zweiwöchentlichen Rhythmus stattfindet, um herauszufinden, was es damit auf sich hat. Zuvor las ich in einem Artikel, was die Macher bis dahin schon gelernt hatten. So sollte eine echte Party auch mit einer vernünftigen gut gestalteten Einladung starten und nicht nur mit einem schnöden Link zur Anmeldung. Angesichts einer globalen Reichweite ist anders als bei normalen Parties die Beachtung der Zeitzonen essentiell. Durch die Ausrichtung auf Europa entschied man sich für den Beginn um 8 Uhr GMT bis irgendwann in die frühen Morgenstunden. Das hielt allerdings einige Partygänger von Down under nicht davon ab, mitten am Tag zu feiern. Zu erkennen war das an der hochstehenden Sonne im australischen Busch.

Alles beginnt mit dem Kauf eines Tickets, der sich der Einfachheit halber über Eventbrite abwickeln lässt. Die Preisspanne reichte von einem kostenlosen Ticket bis zu ca. $50, wenn man es sich leisten kann. Grundsätzlich gilt hier eher die Methode, das jeder so viel zahlt, wie er kann. Immerhin ist der Zugang nicht völlig kostenlos, wie es heutzutage leider für die meisten virtuellen Formate gilt. Damit berauben sich die Veranstalter regelmässig eines vernünftigen Geschäftsmodells und es ist grundsätzlich schwer, eine anfangs völlig kostenfreie Veranstaltung später zu monetarisieren. 

Ausser der Bestätigung für den Kauf des Tickets gab es anschliessend lediglich eine kurze Email, die den Link zu einem Zoom Meetingraum und ein paar letzte Anweisungen beinhaltete.

Tips for partygoers:

1. Prepare yourself with appropriate costumes and props to enjoy the party. Appropriate costumes include tree-themed costumes, including tree-dwelling animals and anything which looks like fancy dress.

2. Prepare your space: decorate your space, or enable a virtual background.

3. Ready yourself a glass of prosecco to be welcomed upon your arrival at the Tree of Life

Wichtig und hilfreich ist in jedem Fall eine detaillierte Anleitung, in der ausgehend vom unbegabtesten User (auch wenig schmeichelhaft DAU, dümmster anzunehmender User, genannt) alles Schritt für Schritt erklärt ist.

Der ganze Spass beginnt dann mit dem Klick auf den erhaltenen Link und dem, was der Start des externen Programms von einem abverlangt. Aber selbst für Nutzer, die das noch nie gemacht haben, stellt es eine annehmbare Hürde dar. Ist dies erledigt geht es auch schon los – mit dem Schlangestehen. Denn zu jeder guten Clubparty gehört bekanntlich die sich durch das Warten steigernde Vorfreude. Konkret heisst es hier, dass die feierfreudigen Partygänger in einem Videokonferenzraum landen, wo sie von zwei netten Türstehern begrüsst und auf ihre Partytauglichkeit überprüft werden. Wer in der richtigen Stimmung ist, sein selbst vorbereitetes Begrüssungsgetränk dabei hat und entsprechend dem Motto der Party kostümiert ist, kommt rein. Wer es nicht schaffte, ein passendes Kostüm zum Motto der Party vorzubereiten, dem stehen zwei digitale Möglichkeiten zur Verfügung. Zum einen lässt sich das Hintergrundbild dem Partymotto entsprechend anpassen. Einfacher gehts nicht. Zum anderen erlaubt die Snapcamera von Snapchat (https://snapcamera.snapchat.com) sein Video-Ich mit einer der lustigen Masken zu überziehen.

snapcamera von snapchat

Manche werden wahlweise und wahllos mit jemand anderem zusammengebracht. Das geschieht über sogenannte Breakout Rooms, die in den regulären Videokonferenzen für Gruppenarbeiten genutzt werden. Der Host des Raumes muss dafür einfach einzelne Nutzer in diese Séparées verfrachten. Hier besteht dann die Gelegenheit und ein wenig auch Notwendigkeit, sich mit anderen Feierlustigen bekannt zu machen.

Wer es bis hierhin geschafft hat erhält den magischen Link zu einer Website, auf der man endlich die ganze Party überblicken kann. Dazu gibt es eine interaktive Karte, die dem Motto entsprechend gestaltet ist und in der die Links zu allen anderen „Floors“ zu finden sind. Schlussendlich sind dieses auch nur weitere Videokonferenzräume, die sich thematisch oder musikalisch voneinander unterscheiden. Neben verschiedenen Dancefloors finden sich denn auch Räume mit Geschichtenerzähler, Wahrsagern und mit allen möglichen anderen Zwecken, die nicht immer ganz zu durchschauen sind. Ein Toilette gibt es natürlich auch.

Beim Betreten eines anderen Raumes werden die Partyjünger*innen beispielsweise aufgefordert, sich einen viktorianischen Namen zu geben. Wem da nicht sofort einer einfiel, dem wird mit einem Link zu einer Website weitergeholfen, die derartige Namen per Zufall generiert.

Ein anderer Raum nannte sich Badewanne und das war absolut wörtlich gemeint. Denn hier hatte nur Zutritt, wer angemessen unbekleidet zu Hause in seiner eigenen Badewanne saß. Mit Wasser, versteht sich. Sicherlich eines der besten Beispiele, wie sich reale und virtuelle Räume wirkungsvoll vermischen lassen. Auch Mixed Reality genannt.

Bis hierhin gab es schon einiges zu lernen. Nämlich, dass die Party ein Motto haben sollte, dass durchgängig Verwendung finden muss. Dass Hereinkommen in das Erlebnis gestaltet und erzählt werden muss. Dass es Türsteher, Concierge und Hosts braucht. Dass den Partygästen Orientierung mit einer Karte geboten werden muss. Aber das sollte nicht alles sein. 

Apropo Motto: das ist wirklich essentiell. Beim Co Reality Collective gab es bisher unter anderem: The Zone, The Light Side of the Moon, Tree of Live, The Time Warp Party gefolgt von The End of the Universe. So ein Motto darf natürlich auch mysteriös sein, nicht unbedingt verständlich, sondern geheimnisvoll und bis zuletzt überraschend.

Sicherlich sitzt der Neuling erst einmal etwas verwirrt vor seinem Computer. Am Schreibtisch womöglich sogar oder mit dem Laptop auf den Knien auf dem Sofa. Nur bleibt das nicht lange so. Angesichts der vielen kleinen Videoschnipsel auf dem Bildschirm versteckt sich niemand lange im Halbdunkel des Zimmers, womöglich noch mit ausgeschaltetem Video. (Ich gestehe, das ich mein Video und Audio erst nach mehrmaliger freundlicher Aufforderung „There is Frank, let us see you“ aktiviert habe. Schließlich war ich nur zur Recherchezwecken unterwegs). Dort sind viele tanzende Menschen zu sehen, real oder virtuell verkleidet und auch eine Frau, die sich offenbar irgendwo im Dschungel einer Körperbemalung unterzieht. Und eine weitere, die offensichtlich einen Sonnenaufgang im Kofferraum ihres mobilen Zuhauses erlebt.

Nach dem ganzen Vorspiel, dem Reden und der Animation durch die Hosts geht die Musik dann richtig los. Soll heissen, auf jedem „Floor“ legt jemand anderes auf. Wer allerdings schon einmal einen Zoom Call mit vielen Teilnehmern gemacht hat, weiss um die Begrenzung im Audio, dass dieser Technologie noch eigen ist. Aber auch daran haben die Macher gedacht und empfehlen, das Zoom Audio auf Stumm zu schalten und stattdessen zu twitch.tv für die Livemusik zu wechseln. Twitch stammt eigentlich aus der Gamerszene und ist dazu gedacht, anderen Spielern bei ihrem Vergnügen zu zu sehen. Nicht erst seit Corona hat sich twitch allerdings in Richtung Musik und Party weiterentwickelt und so wundert es nicht, dass hier die für Videokonferenzen meist lausige Audioqualität deutlich besser ist. Also steht in jedem Chat jedes Dancefloors ein Link, der einen ganz einfach zu der Gamerplattform weiterleitet. Das schafft noch jeder, selbst wenn sie oder er schon ein paar mehr der eigenen Begrüssungsgetränke intus hat.

Und so läuft es dann die ganze Nacht. Wobei es noch ein Mitternachtsritual gibt. Denn die Veranstalter glauben, dass es äusserst wichtig ist, Gemeinschaft zu erzeugen, indem alle zusammengebracht werden. Dazu werden alle bis auf einen Raum geschlossen. Hier nun sammeln sich die Meute und folgt dem Ritual, was von den Hosts erläutert wird. Zu Beginn der Coronapandemie wurden alle die aufgefordert ihre offene Hand vor die Kamera respektive an den Bildschirm zu halten, die bereits persönlich von dem Virus betroffen waren. Dem folgten alle anderen ebenfalls mit ihren Händen, während einzelne Betroffene ihre Geschichte erzählten. Ein durchaus emotionaler Moment, in dem die reale Distanz irrelevant wurde.

Wie auf jeder guten Clubparty kommen die Leute irgendwann ins Reden. Sie treibt das Bedürfnis über die laute Musik hinweg, ihr innerstes mit anderen zu teilen. Auch dafür gibt es natürlich eigene Räume, in denen sich mit etwas Mühe eine Konversation führen oder zumindest dem leicht oder schwer angetrunkenem Palaver anderer Partygäste folgen liess. Um es deutlich zu sagen, Chaos gehört dazu. Und zwar nicht nur das, was durch die Party und deren Gäste selbst verursacht wird. Ebenso darf und muss bei der Planung und Koordination mit Chaos gerechnet werden. Experimente können schief gehen, Konzepte werden nicht oder missverstanden. All das gehört dazu.

Dennoch erfordert ein solches Event natürlich ernsthafte Planung und jede Menge Mitstreiter. Ebenso eine gut organisierte Kommunikation vor und während des Events sowie eine gute Koordination zwischen allen Beteiligten, auch morgens um 3 Uhr.

Solche Konzepte haben das Potential auch wirtschaftlich einträglich zu sein. Sei es über den Verkauf von Tickets, wobei immer auch kostenlose Tickets zu erwägen sind, oder Donations. Zumal wenn die ersten Versuche sich positiv in der Community verbreiten, darf es ruhig auch was kosten.

Last but not least empfiehlt es sich im Nachgang seine Partygäste zu befragen.  Die Tools dafür sind zahlreich und die Erkenntnisse Gold wert. Für die nächste Ausgabe.

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