Das (fast) neue Normal – Virtuelle Realität

Das (fast) neue Normal – Virtuelle Realität

Die Corona Pandemie eröffnet ungewollte Freiräume.
Und diese lassen sich nutzen. Alexander Wolf begann, sich in der erzwungenen Pause mit den Potentialen virtueller Realität auseinander zu setzen. Seither gibt es ihn doppelt. Genau genommen unendlich oft digital. Im Interview mit ihm geht es aber natürlich um mehr. Denn der Gründer des Dictyonomie-Instituts und „Berlin´s Godfather of Networking“ fragt sich natürlich auch, warum die Berliner Avantgarde immer noch still hält.

Das Interview mit ihm führte ich am 19. Oktober 2020 in seinem Büro im Bikini Berlin.

Frank B. Sonder: Du bist als Netzwerker in Berlin bekannt und hast jetzt meines Erachtens den ultimativen Coup gelandet. Du hast dich virtualisieren lassen, sozusagen vervielfältigt und digitalisiert. Dein digitales Selbst erschaffen. Wie ist es dazu gekommen? 

Alexander Wolf: Mich gibt’s jetzt zweimal, einmal in echt. Das Echte muss atmen, essen, sich duschen und all diese aufwendigen Sachen machen. Und dann gibt es mich noch mal als Avatar und der muss bloß an Strom angestöpselt werden. Es ist schön einfach. Und schuld ist ein Virus, das heißt Covid 19 und das hat dazu geführt, dass ich endlich Zeit hatte. In den letzten zwei Jahren war ich ausgebucht. Ich hatte im Februar keine Zeit mehr, um im November Aufträge anzunehmen. Mein Leben war voll des Geldes und arm an Zeit. Und auf einmal hat sich das schlagartig ins Gegenteil umgedreht. Ich hatte auf einmal ganz viel Zeit und gar kein Geld mehr. Jetzt hatte ich zum Glück gespart und hab gedacht, was mach ich jetzt mit all der Zeit? Und hab das als großes Geschenk gesehen, dass ich endlich mal etwas tun kann, von dem ich erzähle, dass man es tun müsste und es selber nie tue, nämlich in die Zukunft gucken. 

FBS Hattest du mehrere Themen zur Auswahl aus denen Du wählen konntest? 

AW: Ja, ganz bewusst. Es gab alle möglichen. Aber ich habe gedacht, was sind denn die Themen, wo ich immer gesagt habe, das müsste ich mal machen, wenn ich Zeit habe. Und Virtuelle Realität (VR) war eine Sache, wo ich dachte, das wird wahrscheinlich das nächste große Ding sein. Und dann hab ich einen Schubs bekommen durch diese vielen Videokonferenzen. Durch den Lockdown fing ganz schnell dieses Skypen, Zoomen und Teams-Massaker an. Nach dem zehnten Zoom-Call hab ich gedacht, ich sterbe. Das ist so langweilig. Früher hieß das Telekolleg, war im Fernsehen und schon da habe ich es gehasst. Und auf einmal hab ich mich als Gefangener meines Bildschirms wiedergefunden und hab gedacht, okay, das ist jetzt der Punkt, jetzt musst du dir so eine Brille kaufen und dich da mal rein fühlen. 

FBS: Wie fing der Prozess an? Du hast dir dann jemanden gesucht, mit dem du das machen konntest? Kannst uns mal durch die Zeit durchführen, die dazu geführt hat, dass es dich jetzt doppelt gibt? 

AW: Ich hab erstmal gedacht, ich bin ein Suchender und ein Unwissender. Ergo muss ich einfach Wissen aufsaugen. Ich hab mir Tutorials bei YouTube angeguckt, alle, die ich kriegen konnte. Ich hab mir eine Brille gekauft und habe wirklich wochenlang, tagelang in der Matrix verbracht. Ich hatte tatsächlich Blutergüsse auf den Wangenknochen, weil ich so lange diese schwere Brille auf hatte. Bis ich alles leer geguckt hatte und wusste, okay, jetzt weiß ich so ungefähr, wo wir technisch stehen. Und dann hab ich mich umgeschaut. Wo gibt’s in Berlin eigentlich Leute, die sich damit beschäftigen? Und dann bin ich auf NexR gestoßen. Das ist eine Firma, die sich eigentlich auf die Fahnen geschrieben hatte, Musiker, Künstler und Kreative einzuscannen, zu digitalisieren und einem Massenpublikum weltweit näherzubringen. Die haben auch schon Paris Hilton eingescannt, zum Beispiel. Und den FC Bayern. Sündenfall. Es  gab also in Berlin eine Gruppe, die sich auf Künstler fokussiert hatte, um diese Künstler in VR zu bringen. Problem ist, dass die Künstler alle noch nicht so weit waren. 

FBS: Glaubst Du, dass sie jetzt so weit sind? 

AW: Ich glaube, der Schmerz wird langsam groß genug, um sich endlich der Zukunft zuzuwenden und nicht in der Vergangenheit mit Tränen bedeckt zu liegen. 

„Ich glaube, der Schmerz wird langsam groß genug, um sich endlich der Zukunft zuzuwenden und nicht in der Vergangenheit mit Tränen bedeckt zu liegen.“

FBS: Und wie waren die einzelnen Schritte? Was musstest Du tun, um Dich zu digitalisieren?

AW: Das ist total einfach. Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder nimmst du so einen Standard-Avatar. Die gibts im Netz. Das machst du wie beim iPhone. Du lädst ein Foto rauf und dann hast du deinen Avatar. Dauert fünf Minuten. Oder du machst es halt so richtig. Dann gehst du zu NexR, die sitzen am Flughafen Tegel, gehst in deren Motion Capture Studio und in den Scanner. Das ist so wie am Flughafen. Du hebst die Arme, dann macht es klick, klick, klick und dann wissen Sie, dass Du eine Bombe dabei hast. Nein, im Ernst, dann bist du digitalisiert. 

FBS Das ist ein großer weißer Raum mit wie vielen Kameras? 

AW: Hundert Spiegelreflexkameras. Wer sich mal so richtig wie ein Star auf dem roten Teppich fühlen möchte, der geht zu NexR. Das macht klick, radapeng und du hast 100 Fotos von dir und zwar von unten, oben, links, rechts und der Seite. Und dann brauchst Du noch zwei Wochen Geduld und sie haben dich komplett eingescannt. Du kannst zusätzlich noch eine Facial Calibration machen. Dann wird dein Gesicht in verschiedenen Mimiken aufgenommen, damit man auch die schlimmsten Grimassen von Dir hat. Und das war’s. 

FBS: Und dann gibt es sozusagen Dich Digital und du kannst diese digitale Kopie von Dir selbst zum Leben erwecken, indem du einen speziellen Anzug trägst. Wie sieht das aus? 

AW: Genau. Auch da gibt es wieder die einfache und die schwierige Variante. Die einfache Variante ist, Du hast einfach eine Brille auf und deine Arme bewegen sich. Dein Avatar ist ansonsten ein bisschen gelähmt. Querschnittslähmung mit ein bisschen Gesichtsbewegung. Das ist ganz einfach. Und dann gibt es die schwierigere Methode, die ich gerade wähle. Du stehst in einer Art Fernsehstudio, auch wieder bei NexR, und hast so ein lächerlichen Ballettanzug an mit lauter kleinen, reflektierenden Punkten drauf. Und das Ding nimmt deine gesamten Bewegungen live auf. Das heißt, dein Avatar bewegt sich tatsächlich genau wie du. Wenn du deine Finger krümmst, zur Faust ballst, ballt dein Avatar ebenfalls die Faust. 

FBS: Dein Gesicht würde sich dann auch entsprechend verändern. Wie passiert das?

AW: Wenn du weinst, weinst du. Wenn du schreist, schreist du. Wenn du lachst, lachst du. Das macht eine Kamera, die direkt vor deinem Gesicht gespannt ist. 

FBS: Das heißt, das ist tatsächlich dann live? Das ist nicht digital nachempfunden, sondern live von Deinem Gesicht übertragen. 

AW: Du hast eine kleine GoPro, die mit so einer Vorrichtung vor Dein Gesicht gespannt ist. Und du guckst die ganze Zeit in eine kleine Kamera rein. 

FBS: Kann man sich daran gewöhnen, dass man diese etwas umständliche oder ungewohnte Montur trägt? 

AW: Das ist so, wie einen Musiker zu fragen, ob er sich dran gewöhnt, bei einem Konzert vor einem Mikro zu stehen und da rein zu brüllen und lauter Scheinwerfer zu haben, die auf ihn scheinen. Der Mensch gewöhnt sich an alles, sogar U-Boot fahren. 

„Das ist so, wie einen Musiker zu fragen, ob er sich dran gewöhnt, bei einem Konzert vor einem Mikro zu stehen.“

FBS: Jetzt ist eine Hürde, die man immer bei VR vermutet, das es kompliziert ist. Das klang jetzt gerade alles nicht sehr kompliziert. Ein zweites Vorurteil ist fast immer, das es total aufwendig ist, vor allem finanziell aufwendig, was ja für Künstler momentan ein No-Go wäre, weil sie sicherlich schon Einschränkungen genug haben. Kannst du mal so eine ungefähre Vorstellung davon geben, wenn ich mich jetzt als Künstler in dieser erweiterten Version digitalisieren lassen und auftreten wollen würde, was kostet das? 

AW: Ich würde sagen grob 5000 Euro. Dann kannst du digitale Konzerte geben oder digitale Kunst Performances machen. Du kannst natürlich nach oben eskalieren, wenn du das Bateman Zeichen am Himmel haben willst. Wenn Du das Ganze aber einfach haben willst, kannst du eine Brille für 200 Euro kaufen. Und dann bist Du für 200 Euro heute Abend als Avatar digital in der Matrix und singst.

FBS: Was sind für Dich, abgesehen von der Musik, weitere Anwendungsfällen? Du hast es ja nicht nur aus Entdeckerfreude gemacht, sondern auch, weil Du es selbst anwenden willst und schon anwendest. Was sind Deine Use Cases? 

AW: Mein Fall ist der: Firmen wie Porsche, Deutsche Bahn und andere große Firmen buchen mich, damit ich ihre Vorstände trainiere oder eine Rede halte. Ich fliege also am Donnerstag nach Zürich, übernachte dann in einem sehr teuren Hotel, gehe am nächsten Morgen in einen sehr teuren Konferenzraum oder eine Veranstaltungsstätte, halte dann eine Rede für eine Stunde oder trainiere ein paar Leute und fliege zurück. Zwei Tage sind verbrannt. Es wurde ganz viel Geld ausgegeben und ganz viel Kerosin verbrannt. Für eine Stunde. Und mein Use Case ist, dass ich nicht mehr reisen muss. Ich muss mich nicht mehr nach Zürich bewegen, damit mein Wissen nach Zürich kommt. 

„Ich muss mich nicht mehr nach Zürich bewegen, damit mein Wissen nach Zürich kommt.“

FBS: Daraus entnehme ich, dass Du es auch weiter beibehalten wirst und dass jetzt nicht an das potenzielle Ende der Pandemie knüpfen würdest. 

AW: Auf gar keinen Fall. 1993 wurden die ersten Handys in den Markt gedrückt. Das waren noch, für die, die nicht dabei waren, solch türkisfarbene E-Plus Handys. Die sahen schrecklich aus und viele Leute haben gesagt, naja, das ist jetzt ein Trend, der geht auch wieder vorbei. Wir haben gesehen, wo das hingeführt hat. Wir haben gemerkt, es gab erst die Trommel, dann gabs das Feuer, dann gab es irgendwann das Telefon, dann gab es das Mobiltelefon, Funkgerät dazwischen, dann gab es das iPhone. Um es kurz zu machen: es geht nicht rückwärts, es geht immer vorwärts. Zukunft kann man nicht aufhalten, man kann sie nur mitmachen oder mitgemacht werden. VR wird definitiv die Zukunft sein bzw. XR, also die Extended Reality und wir haben nur eine Wahl: Lassen wir die anderen voranschreiten oder schreiten wir voran? Die einzige Option, die du hast: Läufst du mit oder treibst du es selbst voran? 

„Zukunft kann man nicht aufhalten, man kann sie nur mitmachen oder mitgemacht werden.“

FBS: Siehst du da bestimmte Zielgruppen, die das tun? Jetzt lassen wir mal die üblichen beiseite, Gaming oder die Sexindustrie. Welche siehst Du jetzt vorne? Wir haben über Business gesprochen, Musik, Kunst. Wer ist für dich der grösste Treiber aktuell? 

AW: Normalerweise müssten es die Kreativen sein und in Deutschland müssten es normalerweise die Kreativen aus Berlin sein. Wir sind die Avantgarde. Es wundert mich, dass Berlin so zögerlich ist. Dass die kreative Industrie so zögerlich ist. Ich frage mich, wo sind die ganzen Künstler und die ganze Subkultur? Das sind doch eigentlich die Leute, die neue Sachen ausprobieren und die in der gesellschaftlichen Entwicklung voranschreiten. Das ist der Stolz unserer Stadt. Eigentlich müsste die kreative Szene Berlins schon ganz weit vorne sein. Momentan stimmt das aber nicht. Momentan ist es rein die Sexindustrie in Berlin, die nach vorne schreitet.

FBS: Die Businesswelt adaptiert für gewöhnlich relativ schnell. Videokonferenzen sind quasi mittlerweile zum Standard geworden, was mich in meiner früheren Rolle ausserordentlich gefreut hätte. Aber danach geht es nicht weiter. Und da müsste tatsächlich die Inspiration aus der Kreativbranche kommen, die ich aber genauso wenig sehe wie Du. Wie kann man das denn ändern? 

AW: Ich glaube, wir brauchen so einen Apple Moment. Der Computer, der PC war ja überhaupt nichts für die kreativen Menschen. Das war ja rein geschäftlich. Das war IBM, Anzug und langweilige Verwaltungsabteilungen mit Bildschirmen, wo grüne Buchstaben rüber liefen. Dann kam Apple und hat gesagt, Leute, das ist ein Gerät, mit dem man Musik machen kann, Kunst machen kann, Filme machen kann. Das ist für euch kreative Menschen. Und da ist die gesamte Kreativszene aufgewacht. Wir brauchen diesen Tipping Point. Dummerweise wird der nicht von der Technik kommen. Den müssen wir machen. Wir brauchen die ersten Künstler, die sagen, besuch mal meine digitale Galerie in VR, nimm mal an einem Konzert teil in der Matrix, besuch mal meinen Undergroundclub in der Matrix. Das muss jetzt passieren und ich warte nur darauf, dass der Erste voranschreitet. Ich warte quasi darauf, dass das Berghain sagt, es gibt jetzt das VR Berghain mit dem VR Darkroom. 

FBS: Die Frage ist aber auch immer, wie das Erlebnis auf der Empfängerseite ist? Was aktuell viel passiert und Du auch machst, findet auf der Seite des Senders statt. Mir ist bei allen virtuellen Formaten von Wacken Worldwide bis zu all diesen Konferenzen aufgefallen, dass zwar viel auf der Senderseite passiert, aber dann sitzt der Empfänger wieder nur vor seinem Computer oder mit dem Tablet auf dem Sofa und schaut sich ein Video an. Das ist live oder auch nicht, was oft nicht einmal zu unterscheiden ist. Da muss sich vor allem etwas ändern. Das hängt wahrscheinlich auch von der Hardware oder dem Apple Moment der Hardware ab, wie Du ihn beschreibst. 

AW: Du hast Recht, es hängt von der Hardware ab. Momentan haben wir zwei Probleme. Wir haben das Problem Nummer eins, das sind die Brillen. Die sind noch sehr klobig, sehr schwerfällig und sind eher etwas für Nerds, die Lust auf sowas haben. Der Durchschnittsmensch fühlt sich nicht gut, wenn ein Kilo Technik direkt auf die Augen drückt. Und Problem Nummer zwei ist die Bandbreite. Wenn du schon Probleme in der Zoom Konferenz hast, weil es ständig ruckelt, dann willst Du in der 3D VR Welt nicht auf einmal eingefroren werden, weil das Bild stehenbleibt. Aber wir müssten jetzt anfangen, das vorzubereiten. Spätestens nächstes, übernächstes Jahr, wenn sowohl die Brillen fortgeschritten sind, als auch die Bandbreite verfügbar ist. Wahrscheinlich kommt in zwei Jahren so eine Holo-Brille raus, wo Du eine ganz normale Brille aufsetzt und in der normalen Umgebung agierst. Wir sitzen gerade am Breitscheidplatz, an der Gedächtniskirche und in zwei, drei Jahren wird es möglich sein, dass du mit deiner Band ein virtuelles Konzert vor der Gedächtniskirche gibst. Alle, die eine Brille haben, sehen Dich, alle anderen sehen Dich nicht. 

FBS: Eine Frage ist ja, wie es vermittelt werden kann. Das Potenzial eines weltweiten Publikums als Alternative zu 500 Menschen in der Kulturbrauerei. Das ist schwer rüber zu bringen und die Frage ist, wie kann man das den Künstlern klarmachen kann.

AW: Man muss es ausprobieren. Es gibt leider keine andere Variante. Wenn du wissen willst, wie es im Berliner Club ist, musst du in einen Berliner Club gehen. Niemand kann dir das Gefühl erzählen. Genauso ist es mit virtueller Realität. Genauso ist es mit kreativen Projekten in der virtuellen Realität. Wenn du es nicht ausprobierst, dann weißt du nicht, wie es ist und dann kannst du nicht aktiver Teil davon sein. 

FBS: Noch einmal zurück auf deine Antwort von vorhin, dass wir die kreative Berliner Avantgarde brauchen, die etwas lostreten. Es gibt mit der Club Commission, die du mitgegründet hast, ja Leute, die schon voran gehen. Was muss denn noch passieren? Welche Leute muss man an einen Tisch bringen, dass da was passiert. Wer hält den Steigbügel für die Künstler, damit sie über den Zaun schauen können? 

AW: Mein Job sind Netzwerke. Das ist ja mein eigentliches Thema. Es mangelt an Netzwerken. Momentan hast Du Branchennetzwerke. Es gibt die Club Commission und die Music Commission. Die haben Beziehungen zueinander. Dann hast Du die Designer, die Mode und jede Branche ist für sich. Es gibt ein paar Querbeziehungen. Wir brauchen eine intersektionäre Vernetzung. Wir müssen mehr miteinander reden. Wir müssen einander besser kennenlernen. In den letzten Jahren haben wir ein Problem gehabt. Wir haben auf einmal in Berlin viel Geld verdient. Und immer wenn man anfängt, Geld zu verdienen, wird man einsam. Und genau das ist in Berlin passiert. Früher war das so: Da alle kein Geld hatten, sind wir alle gemeinsam in die Clubs und Bars gegangen, haben die Abende verbracht, haben uns kennengelernt. Und das ist das Geheimnis Berlins gewesen, dass der Street Artist den Start up Menschen kennengelernt hat und der wiederum hat den Musiker kennengelernt. Das ist das Geheimnis, weshalb Berlin so erfolgreich geworden ist. Da müssen wir wieder hin. Wir müssen wieder an der Bar miteinander reden. 

FBS: Das klingt nach einer Projektbeschreibung. Hast Du schon angefangen, etwas zu schreiben? 

AW: Nein, ich hoffte, du hast angefangen, was zu schreiben. Ist ja dein Job. 

FBS: Vielleicht schreiben wir es zusammen. Du hast es bereits angesprochen und es ist in der virtuellen Welt ein zentrales Thema, das Netzwerken. Häufig ist das Problem, dass bei den ganzen virtuellen Formaten sich viele Dinge technisch lösen lassen, aber das Netzwerken auf der Strecke bleibt. Das ist sozusagen der Heilige Gral virtueller Formate. Wie lässt sich das lösen. Und zwar mit dem Anspruch, den du auch bei Außergewöhnlich Berlin hast.

AW:  Eigentlich ganz einfach. Die Lösung liegt wie immer einfach nur einen Zentimeter weiter weg. Man muss nur hinschauen. Erstmal muss man erkennen, was eigentlich Netzwerke sind? Netzwerke sind immer Wertegemeinschaften. Das sind Menschen, die zueinander eine Beziehung haben und einander vertrauen, weil sie ähnliche Werte teilen. Deshalb ist Berlin auch keine Stadt, sondern eine Wertegemeinschaft, weil wir alles Leute sind, die toleranter sind als andere, offener sind als andere, ein bisschen verrückter sind als alle, ein bisschen andere Dinge machen als andere. Jeder, der in München zu viel ist, zieht halt nach Berlin. Und da treffen sich dann Leute, die in München zu viel sind. Und ob das nun am Lagerfeuer stattfindet oder am Bildschirm, ist immer das Gleiche. Wir müssen einander kennenlernen, wissen, was wir momentan machen. Wir machen Zoom Meetings und reden sofort über das Projekt, über die Tagesordnung, anstatt uns Zeit zu nehmen und den virtuellen Kaffee miteinander zu trinken und darüber zu reden, was wir vom Leben erwarten, was uns antreibt, was wir für Leidenschaften haben. Fazit, man muss in den ganzen Zoom Meetings vorher 10, 15 Minuten einbauen, wo man sich über Bullshit unterhält. Wir müssen die Berliner Barmomente in die Zoom Meetings reinbringen. Wir müssen uns quasi miteinander am Bildschirm besaufen und über Sachen reden, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Dann kannst du auch über den Bildschirm Beziehungen aufbauen und netzwerken. 

FBS: Das klingt schon mal nach einer guten Headline. Die Berliner Barmomente. Wir kennen die reale Welt. Damit sind wir großgeworden. Wir kennen heute einen kleinen Teil der digitalen Welt. Wobei das, was wir jetzt sehen, nur ein winzig kleiner Teil dessen ist, was da kommen wird. Wie siehst du denn die Schnittmenge, die daraus entsteht und diese neue Perspektive?

AW: Das ist grandios. Du hast es ja schon gesagt, wir haben jetzt die Möglichkeit, die Welt mit Berliner Werten zu beglücken. Und die Welt braucht uns. Momentan ist das, was wir in Berlin haben, einzigartig. Es gibt fast nirgends auf der Welt so eine offene, freie Gesellschaft, die zeigt, wie man in Frieden miteinander leben kann. Jeder kann seins machen und sich selbst verwirklichen ohne dem anderen dabei auf den Sack zu gehen. Wir zeigen gerade, wie es möglich ist. Überall, wo sie wieder anfangen, auf der Straße gegeneinander zu kämpfen, gucken die nach Berlin und sagen, wow, wie macht ihr das? Wie kriegt ihr das hin? Dass jeder seinen Lebensstil leben kann und trotzdem irgendwie alle miteinander friedlich sind, außer im Berufsverkehr vielleicht. Und diese Berliner Werte können wir jetzt über Technik weltweit vermitteln. Du hast es angesprochen, der Durchschnittskünstler kann jetzt bei seiner Vernissage nicht 50 Leute einladen, sondern 500.000. Alle gucken nach Berlin gerade. Wir müssen ihnen nur die digitale Autobahn öffnen. Wir müssen die Mauer einreißen, die immer noch um uns herum ist. Und diese Mauer ist eine analoge Mauer. Wir müssen quasi den digitalen BER bauen. Lauter Verkehrswege in die Welt. Wenn ich in Kuala Lumpur sitze oder in Rio de Janeiro, muss ich eine WhatsApp kriegen mit, jetzt einschalten, nachher Vernissage von einem Künstler in Neukölln. Setzt deine VR-Brille auf. Und du bist in Neukölln. Darauf warten die Leute. 

FBS: Ich sprach kürzlich mit jemandem, der die Anfänge der Love-Parade in Berlin mitbekommen hat und der machte die schöne Feststellung, dass der einzige Kontakt, den man damals zu öffentlichen Institutionen, zur Politik hatten, war der zum Ordnungsamt und zur Polizei. Wenn überhaupt. Und damals gab es ja auch noch nichts, keine Clubs, keine Clubszene. Und jetzt sehen wir, was daraus entstanden und jetzt gefährdet ist. Vieles ist heutzutage leider sehr institutionell geprägt. Es gibt für alles eine Institution. Das ist ein ganz schöner Hemmschuh. Und dieses Kaputtmachen, was jetzt gerade passiert, ist doch eigentlich auch eine Riesenchance. 

AW: Schumpeters Theorie der kreativen Zerstörung, dass man, um etwas Neues aufzubauen, erst mal etwas kaputtmachen muss. Damit neue Pflanzen wachsen können, muss erst einmal ein Waldbrand passieren. Und wahrscheinlich ist das, was gerade passiert, das größte Geschenk, was Berlin passieren konnte. Wir waren schon ganz schön erwachsen geworden und jetzt werden wir wieder in die Kindheitsphase zurück geschmissen. 

Wir waren schon ganz schön erwachsen geworden 

Wir landen quasi alle im Koma und müssen wieder neu tanzen, reden, sprechen lernen. Das ist das Beste, was der Berliner Kultur und Kreativszene passieren konnte. Jetzt hat jeder wieder die gleiche Chance. Der kleine Underground Künstler kann jetzt zu Events einladen, die illegal sind, und ich propagiere hier keine illegalen Events, aber er hat die gleichen Marktchancen wie der große Club, der normalerweise eine Schlange vor der Tür hätte. Jetzt ist die Chance für die neuen Leute, für die New Player, für die neuen Ideen und für eine Revitalisierung Berlins. 

Übrigens, das hat Tristan Horx, der Zukunftsforscher, kürzlich bei Außergewöhnlich Berlin in einem unserer Salons, sehr treffend formuliert. Er hat gesagt, durch die Digitalisierung und durch die Krise werden wir eine Re-Humanisierung erleben. Wir werden einerseits feststellen, dass wir durch digitale Möglichkeiten, Zeit sparen können, effizienter arbeiten und so weiter. Und dadurch werden wir Zeit gewinnen und gleichzeitig die Sehnsucht zurück zum Menschlichen haben. Wir werden also uns am Lagerfeuer wieder treffen und wieder mit der Gitarre am Abend gemütlich singen und Spaß haben. Gerade weil wir vorher unsere ganze Arbeit am Computer erledigt haben, mit VR-Brille und hochdigitalisiert. 

FBS: Ich kann es nicht besser sagen. Das war das perfekte Statement zum Schluss. Vielen Dank für das Gespräch

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