Live Konzerte neu definiert.

Live Konzerte neu definiert.

Bei manchen erzeugt der Begriff virtuelle Konzerte noch vor allem Fragezeichen im Kopf. Bei allen anderen entstehen zumindest sehr unterschiedliche Bilder dessen, was darunter genau zu verstehen ist. Einfach ausgedrückt, alles was nicht dem entspricht, was wir als echtes Konzert mit echten Menschen an realen Orten kennen, wird mit dem Label virtuell, zuweilen auch digital, versehen. Dabei reicht die Bandbreite von einfachen Livestreams bis hin zu Konzerten, wo echte Künstler als virtuelle Avatare in einer künstlichen Welt auftreten. Genau darüber habe ich mit Dominik Faber, dem Gründer der Granola Studios aus Berlin gesprochen. Zunächst stellt er sich euch mal selbst vor.

Dominik Faber Ich bin leidenschaftlicher Technologiegründer. Vor den Granola Studios gründete ich Soft Garden, machte das viele Jahre und nachdem ich es verkauft hatte, wandte ich mich mit den Granola Studios den virtuellen Welten zu. Wir bauen eine Plattform für virtuelle Konzerterlebnisse, also Virtual Concert Experiences. Wir bringen echte Künstler als Avatare in virtuelle Welten. Dabei zeichnen wir mit spezieller Motion Capture Technologie die Bewegungen des Künstlers auf und übersetzen sie als Avatar in unsere virtuelle Welt YABAL. Du als Fan kannst das dann wie ein Multiplayer Spiel erleben. Dich also in dieser virtuellen Welt bewegen und auf diese Weise einzigartige Konzerte erleben. Das ganze ist live und in Echtzeit. Der Künstler spielt in dem Moment, wo du ihn auch siehst und hörst. Du hast auch die Möglichkeit, mit dem Künstler oder mit der Band zu interagieren. Kurz gesagt, wir übersetzen Konzerte in die virtuelle Welt.

Frank Sonder Diese Vision gab es ja schon länger und nicht erst seit dem Ausbruch der Pandemie. Sicherlich hat es dennoch immens an Dynamik gewonnen. Wie stellte sich das für Euch dar? Wie war die Zeit vor März 2020 und wie ist es jetzt?

D.F. Genau, wir machen das schon ein bisschen länger. Wir haben im Prinzip zwei Jahre lang geforscht, wie man diese Technologie bauen kann, damit es eben auch alles sehr schnell und in Echtzeit passieren kann. Im September 2019 fingen wir dann an, das Produkt zu entwickeln. Unser erstes Konzert war für den Juni 2020 geplant. Durch Corona gab es dann natürlich einen starken Schub. Man muss trotzdem sehen, dass wir hier immer noch den Künstler brauchen. Auch wenn die Fans von Zuhause zuschauen können sind wir immer noch darauf angewiesen, dass der Künstler entweder zu uns oder in ein anderes Tonstudio geht. Noch sind wir nicht soweit, dass es auch für den Künstler von Zuhause aus funktioniert, auch wenn das unser langfristiges Ziel ist. Insofern haben wir schon ein paar Hürden, die wir nehmen müssen. Unser letzter und aktueller Künstler war beispielsweise zum Konzert krank, so dass wir es nochmals verschieben mussten. Aber natürlich ist die Nachfrage massiv, weil die Leute eben solche Shows im Moment sehen wollen und die Künstler natürlich offener dafür sind.

Dein Avatar in der Welt von YABAL

F.S. Ist das für euch dann vor allem auch eine Bestätigung gewesen, das ihr mit dem richtigen Produkt zur richtigen Zeit am Start ward? Right time right place, sozusagen.

D.F. Ich glaube, es ist immer noch extrem früh. Man sieht zwar, was Firmen wie Epic mit Fortnite und Travis Scott machen. Das ist aber alles noch in einem experimentellen Stadium. Dennoch glaube ich, dass diese Pandemie das Ganze ein bisschen beschleunigt. Dass also die Musiker und vor allen Dingen die Labels das höher auf ihrer Prioritätenliste einordnen als vor der Pandemie. Aber dass das jetzt über Nacht zu einem massiven Markt wird, daran glauben wir nicht. Wir glauben nach wie vor, dass es sich erst in den nächsten Jahren entwickeln wird.

F.S. Du klingst nicht übermäßig euphorisch.

D.F. Ja, ich bin seit 20 Jahren in diesem Innovationsgeschäft und da weiß ich einfach, dass Innovation immer lang dauert. Egal was passiert. Ich glaube, das es die Aufmerksamkeit ein bisschen darauf lenkt. Aber wir merken auch, dass alle darauf warten, dass endlich wieder echte Veranstaltungen stattfinden können. Solche Situationen, die helfen zwar ein bisschen. Aber das ein Verhalten sich ganz grundlegend und so schnell verändert, daran glaube ich einfach nicht. Ich glaube, es ist ein guter Schub für uns, nur mehr eben auch nicht. Wie viele solcher virtuellen Konzerte konntest du im letzten Monat sehen? Vielleicht vier? Ich meine nicht einen YouTube oder Instagram Stream. Es gibt halt immer noch nicht die Masse, auch an Firmen, die diese Technologie haben. Dennoch, so um etwa 2 bis 3 Jahre wurde es durch die Pandemie jetzt beschleunigt.

F.S. Du hast gerade zurecht zwischen einfachen Live-Streams und dem, was wirklich virtuelle Künstler*innen oder eine virtuelle Performance ausmacht, differenziert. Jetzt gibt es ja auch da vielfältigste Arten. Kannst du uns mal ein bisschen helfen, das zu verstehen und einzuordnen? Vom rein digitalen Künstler, der auch gar nicht echt ist, bis hin zu VR Anwendungen mit dem speziellen Tracking.

D.F. Fangen wir mal bei dem an, was am meisten verbreitet ist. Das Video, das der Künstler zuhause aufnimmt und auf YouTube, Twitch oder Instagram streamt. Das ist, was heute meistens als virtuelles Konzert verstanden wird. Die nächste Stufe wäre dann, was Billie Eilish  gemacht hat. Man zeigt den Künstler in einer besonderen Umgebung mit Hilfe eines Green Screens und mixt das dann mit relativ umfangreichen Effekten. Damit hast du allerdings immer noch ein Video und keinerlei Möglichkeit, mit dem Künstler zu interagieren. Aber es sieht dennoch schon deutlich cooler aus.

Und der nächste Schritt ist schließlich, dass man das wirklich in eine virtuelle Welt integriert. Da gibt es dann auch wieder verschiedene Varianten. Zunächst, dass der Künstler über Video in eine virtuelle Welt dazu geschaltet wird, sowie das Roblox mit Ava Max und Warner Music gemacht hat. Das ist sozusagen der Mittelweg. Nicht wirklich virtuell, aber zumindest sind die Fans da schon mal virtuell unterwegs. Und dann kommt eben der finale Schritt, wo wie bei uns dann alles komplett virtuell ist. Dass also der Künstler auch als Avatar in der virtuellen Welt ist, wie es bei Fortnite und Travis Scott war oder eben auch bei unseren Konzerten. Und auch Roblox hat es neulich gemacht. Es gibt natürlich dann auch den komplett virtuellen Künstler, der gar nicht mehr real existiert, sondern der nur noch als KI in einem Computer. Für uns ist das ein Schritt zu weit. Ich bin auch ein Musikfan und ich bin überzeugt, dass die Musik von Menschen gemacht werden muss.

F.S. Du hast gesagt, Innovation braucht seine Zeit. Das kennen wir alle, die wir in so einem Business arbeiten. Lass uns mal ein bisschen dafür sorgen, dass die Zeit zumindest ein wenig verkürzt wird. Ich würde dich deshalb mal bitten, sowohl die Technologie ein bisschen näher zu erklären, ohne zu technisch zu werden, und ebenso den Prozess, der nötig ist, um als virtuelle*r Künstler*in aufzutreten. Anders gefragt, was muss ich tun, wenn ich diese Chance ergreifen will?

D.F. Der erste Schritt wäre, dass man von Dir einen Avatar baut. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Entweder wir bauen den ganz individuell, so wie wir das im Moment hauptsächlich machen. Das ist wirklich von Hand gefertigt. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, dass du dir den selbst zusammenbauen kannst. An so einem Avatardesigner arbeiten wir gerade. Mit dem geht es dann schneller und günstiger. Gerade für kleinere Künstler ist das interessant. Anschliessend musst du dich natürlich für einen Ort und eine Zeit entscheiden, wann Du das Konzert machen willst. Es ist ja schließlich live. Wenn du in Deutschland, in Berlin z.B., kannst du das bei uns im Studio in Babelsberg machen. Da haben wir einen separaten Raum innerhalb des Tonstudios, von dem aus wir das streamen können. Du selbst als Künstler wirst in einen Motion-Capture-Anzug gesteckt, in dem Du dann auch deine Musik performst. Es geht auch mit mehreren. Wir haben schon Konzerte mit zwei Bandmitgliedern gehabt und arbeiten gerade dran, dass das dann auch größere Bands machen können. Du spielst dann, als würdest du ein Live-Konzert spielen. Du hast dein ganzes Equipment vor Ort. Manchmal mieten wir das auch, wie für den aktuellen DJ mit dem wir arbeiten. Das alles wird nun von uns zusammen mit deinen Bewegungen abgenommen und live in unsere virtuelle Welt gestreamt.

Man muss natürlich wie bei einem echten Konzert dafür sorgen, dass Fans kommen, die sich das anschauen. Die können das im Moment auf PC und Mac nutzen. Weil das Ganze ein Spiel ist, also eine in Echtzeit animierte Welt, haben wir eine gewisse Grundanforderung an die Hardware. Mit so einem ganz kleinen MacBook Air ist damit eher schwierig. Du brauchst eher so etwas wie eine einfache Gaming Hardware. Das ist der Stand heute. Wenn du das nicht hast, kannst du das dennoch auf YouTube, Twitch oder Instagram schauen, denn dorthin können wir das streamen. In 2021 werden wir das Ganze auch für mobile Geräte veröffentlichen, so dass du es dann auch mit dem Handy oder Tablet schauen kannst.

Schließlich kannst Du diese Show natürlich kostenlos machen. Dann bekommen wir unser Geld von dir oder von Sponsoren zum Beispiel, die in der Welt ihre Logos platzieren. Die andere Version ist ganz klassisch, dass du Tickets verkaufst und wir an den Ticketeinnahmen partizipieren. Wir versuchen das Business Model so zu gestalten, dass es sich für Künstler*innen und für Labels, also für die gesamte Musikproduktionskette, lohnt. Denn wenn du mit so einem riesigen Kostenblock startest, dann will das keiner machen. Wir gehen ja zusammen mit den Künstler*innen ins Risiko und deswegen schauen wir uns die Künstler*innen vorab auch genau an. Im Moment kann es nicht jeder machen. Es müssen schon Künstler*innen sein, die eine gewisse Fanbase haben, die auch bereit sind, es zu machen. Bei Schlager ist das eher unwahrscheinlich. Es geht eher in Richtung Hip-Hop, Metal, Musik also, die halt auch die Gamer heutzutage hören. Aber das wird sich natürlich ändern. Das ist jetzt der Anfang und unser Fokus.

F.S. Geht es vor allem darum, das die Gamer die passende Hardware zur Verfügung haben und deswegen euer Fokus, was Altersstruktur und andere Parameter anbelangt, in diese Richtung geht?

D.F. Ja, und auch, dass die diesen Style mögen. Die Welt sieht ja nun mal so aus, wie sie aussieht. Man kann sie zwar anpassen, aber das ist dann auch wieder nur für größere Projekte möglich. Es ist schon mehr eine Umgebung, die an Games und Cartoons erinnert. Da passt auch nicht jede Form von Musik und Fan rein.

Die Band Ätna und ihre Virtual Concert Experience

F.S. Meinen Avatar, so wie du ihn beschrieben hast, den könnte ich auch mitbringen, falls es mich aus irgendeinem Grund schon als virtuelle Gestalt gibt?

D.F. Das haben wir schon mal bei einem Künstler ausprobiert. Das funktioniert. Wobei man das nicht garantieren kann, sondern sich im Detail muss, wie der Avatar gebaut ist. Grundsätzlich, wenn das in einem 3D Studio gebaut wurde und der Körper über ein Skelett verfügt, womit man ihn bewegen kann, ist die Chance groß, dass es funktioniert. Wenn du jetzt mit einem Bären ankommst, der auf vier Pfoten läuft, dann funktioniert es nicht. Aber sobald du auf zwei Beinen läufst und Arme bewegst, dann ist die Chance groß, dass es funktioniert.

F.S. Wenn ihr den Avatar macht, wie viel kostet das? Wieviel kostet es, mich als Avatar nachzubauen?

D.F. Wenn wir wirklich rein unsere Kosten berechnen, ohne dass wir da irgendwelche Geschäftsmodelle bauen, um zusammen an Umsätzen zu verdienen, dann berechnen wir für die Erstellung eines Highend-Avatars 12.000 Euro. Wenn man es ein bißchen einfacher haben will, kann man davon auch runter gehen. Die andere Variante ist, dass man ihn aus unserem Avatar-Designer zusammenbaut. Da hat man auch schon viele Möglichkeiten und das kostet nichts.

F.S. Nun gibt es dazu ja eine komplette 3D Welt, die ihr gebaut habt. Inwieweit ist die anpassbar oder ist das für euch ein wichtiges Element, womit das Granola-Studios-Feeling rüberkommen soll

D.F. Das ist unsere Welt, wie sie im Moment aussieht. Sie heißt YABAL. In dieser Welt, wie auch in der echten Welt, kann es natürlich Hallen oder Räume geben, die dann ganz anders aussehen. Sie kann auch weitere Insel aufnehmen, die völlig anders aussehen. Schließlich ist es eine Open World, die unendlich ist. Wir arbeiten gerade mit eine Konzerthalle aus Belgien. Deren Lösung wird völlig anders aussehen. Man ist zwar innerhalb von YABAL, geht dann aber in eine Konzerthalle und dort sieht es dann völlig anders aus. Wie halt in der echten Welt. Da sieht auch nicht alles gleich aus.

F.S. Die Technologie, um den Avatar zu bauen, die Interaktion mit dem Anzug und die 3D Welt ist der Kern dessen, was ihr macht. Kommen da noch andere Technologien von extern zum Einsatz?

D.F. Was uns einzigartig macht, ist die Technologie, mit der du diesen Avatar in die 3D Welt streamen kannst. Ihn also in Echtzeit bewegst und gleichzeitig Millionen von anderen Spielern erreichst. Das Ganze nicht nur in unserer Welt, sondern gleichzeitig auch in andere Games, so wie du ja auch Videos gleichzeitig auf Instagram und YouTube broadcasten kannst. Wir arbeiten gerade daran, dass wir mit anderen Games Partnerschaften aufbauen, so dass sie unsere Konzerte auch bei sich zeigen können. Diese Streaming und Podcasting Technologie ist der eine Teil. Und dann haben wir eben noch unsere eigene Multiplayer Welt YABAL. Das Erstellen von Charakteren, also Avataren, ist nicht unser Fokus. Das kann auch jedes 3D Studio machen. Wir sind eher froh, wenn wir es nicht machen müssen, weil es ziemlich viel Arbeit macht, die uns Ressourcen kostet. Wir arbeiten lieber an den Kernelemente. 

F.S. Um das nochmal an der Stelle klarzustellen, als Künstler*in muss man einen Anzug tragen, der aber nicht per Video Tracking, wie man das vielleicht aus Filmen kennt, funktioniert, sondern der Sensoren enthält, die dann die Bewegung messen und übertragen.

D.F. Ja, im Prinzip sind das die gleichen Sensoren, die auch beim Handy Verwendung finden. Wenn du das Handy bewegst, dann kann das auch erkennen, dass es bewegt wird, sich also beispielsweise dreht. Und das ist genau das, was in unserem Anzug drin ist. Diese Sensoren, die Accelorometers, die sind im Prinzip an jedem Gelenk, am Ellenbogen, am Nacken und an den Knien und da messen sie die Veränderung deiner Bewegung. Das Ganze wird dann über WLAN einfach zu unserem Computer gestreamt und von dort aus mit unserer eigenen Software in die 3D Welt projiziert.

F.S. Wie viel dieser Sensoren sind in so einem Anzug integriert?

D.F. Ziemlich viele, so 22 ungefähr.

F.S. Du hattest das Studio in Babelsberg angesprochen, zeitgleich sagtest du aber auch, dass man das vor Ort machen kann. Das lässt vermuten, dass ihr gar nicht so viel Technik dabei haben müsst, weil es ja im Grunde nur die Datenverarbeitung und Übertragung vom Anzug ist.

D.F. Das Setup ist tatsächlich relativ klein. Du hast einen Computer vor Ort, der die Daten des Anzugs empfängt und streamt. Gleiches gilt für den Ton. Idealerweise noch ein eigenes WLAN, was nur dafür genutzt wird. Das ist unser Setup, mit dem wir dann auch verreisen. So haben wir das schon in Belgien gemacht. In diesem Jahr ist etwas in Amerika geplant, wo wir das Setup einfach hinschicken und vor Ort ein technischer Support das mit dem Künstler macht. Wir müssen auch nicht zwingend dabei sein. Wir arbeiten intensiv daran, dass das immer einfacher wird, sodass wir irgendwann dem Künstler wahrscheinlich einfach nur ein Kit mit dem Anzug schicken. Da ist dann so ein kleines Gerät dran und das macht alles.

Und wir gehen noch einen Schritt weiter. Dann funktioniert das alles direkt über das iPhone und du brauchst überhaupt keinen Anzug mehr. Das machen wir teilweise heute schon, um dein Gesicht zu scannen und deine Gesichtsanimationen zu generieren. Ich schätze mal Mitte nächsten Jahres haben wir das auch soweit, dass du das rein mit dem iPhone steuern kannst. Du stellst dich einfach vor dein Handy und fängst an, dich zu bewegen.

F.S. Was ja bedeuten würde, dass dann eine richtige Skalierbarkeit möglich ist. Kein Anzug, keine zusätzliche Hardware mehr, sondern tatsächlich nur ein Gerät, das jeder in der Hosentasche hat.

D.F. Auf lange Sicht kommen wir genau da hin.

F.S. Du hast vorhin schon einen Punkt angesprochen, den ich ebenfalls für sehr wichtig erachte, der nur allzu oft vergessen wird bzw. eine zu geringe Rolle spielt. Nämlich die Tatsache, dass es live ist. Das bedeutet ja gleichzeitig, dass man auch merken muss, dass es live stattfindet. Bei einem einfachen Stream kann ich kaum feststellen, ob das aus der Konserve kommt oder tatsächlich jetzt passiert. Warum ist euch dieser Live Aspekt so wichtig? Gerade in der Virtualität ginge das ja auch anders. Warum ist es dennoch so bedeutsam?

D.F. Der Live Aspekt ist aus unserer Sicht wichtig, weil nur dann wirklich eine Nähe zwischen den Fans und dem Künstler entsteht. Das ist so, wie wenn du auf ein Konzert gehst. Du könntest ja auch ein Video von dem Künstler anschauen. Aber es ist eben ein deutlicher Unterschied, wenn er dann wirklich da ist. Die Fans, die wir jetzt in den verschiedenen Welten hatten, haben uns immer gesagt, dass sie wirklich das Gefühl hatten, sie sind mit dem Künstler zusammen da, weil er sich eben wirklich authentisch bewegt. Er sagt was, er reagiert auf eine Frage der Fans und bewegt sich entsprechend danach. Es macht alles Sinn. Man merkt, das es nicht einfach aufgezeichnet ist und dadurch entsteht Nähe. Selbst wenn man nicht zusammen ist, hat man trotzdem das Gefühl, man ist nah an dem Künstler dran. Und das ist aus meiner Sicht der Kern. Das ist wirklich immersiv. Du hast das Gefühl, Du stehst wirklich vor dem Künstler. Später kann der natürlich noch genau so aussehen, wie er in echt aussieht. Das es heute noch ein wenig abstrakt ist machen wir, weil damit die Performance besser ist. In drei bis fünf Jahren wirst du wahrscheinlich ein virtuelles Konzert in einer 3D animierten Welt nicht mehr von einem echten Konzern unterscheiden können.

F.S. Für die Immersion ist es ja von zentraler Bedeutung, welche Rolle der Fan spielt. Ob er tatsächlich nur vor einem Computerbildschirm sitzt und konsumiert oder auf welche Art und Weise er sonst interagieren kann. In eurer Welt tut er das ja bereits. Gibt es darüberhinaus gehende Überlegungen, dass auch der Fan selbst auf einer weiterentwickelten Ebene interagieren kann und vielleicht sogar seinen eigenen Avatar mit dem eigenen Aussehen und der eigenen Physis mitbringt?

D.F. Jetzt ist es schon so, dass der Fan seinen eigenen Avatar hat und den auch entsprechend stylen kann. Da gibt es verschiedene Skins, die sich nutzen lassen. Das hängt auch immer von dem Künstler ab. Bei DJ Hugel, unserem letzten Konzert, gab es Hugel Merchandising, wo man sich dann die DJ Hugel Sonnenbrille aufsetzen oder so eine Kette umhängen konnte. Stand heute bedienen die Nutzer den Avatar noch mit Maus und Tastatur, wie man es von Multiplayer Spielen kennt. Aber auch hier wird unsere Technologie langfristig dazu genutzt werden, dass auch der Fan vor seinem iPhone steht, sich bewegt und so eben seinen Avatar steuert. Dann verschwimmen die Grenzen wirklich und man bekommt das Gefühl, mit vielen Menschen gemeinsam an einem Ort zu sein, von denen sich jeder authentisch bewegt, weil alle live animiert sind.

DJ Hugel bei seinem Auftritt in der YABAL Welt

F.S. Du beurteilst ja recht realistisch, dass solche Veränderungen Zeit brauchen und ihr auch damit rechnet, dass, sobald wieder reale Konzerte stattfinden, die Menschen wieder dorthin strömen werden. Folglich ist ja die Frage interessant, ob Mischformen vorstellbar sind? Also reale Konzerte teilweise auch virtuell übertragen werden, sodass das irgendwann alles eins wird und eine Unterscheidung gar nicht mehr von Nöten ist?

D.F. Wir haben das sowieso nie so gesehen, dass es ein Ersatz für ein echtes Konzert sein soll. Ich glaube, die Energie, die du bei einem echten Konzert spürst, die kannst du in der virtuellen Welt auf absehbare Zeit nicht herstellen. Ich würde sagen, es ist eher eine Ergänzung, eine weitere Möglichkeit, um Fans und Künstler miteinander zu vernetzen. Es ermöglicht dadurch auch neue Formate. Du kannst z.B. eine Release Partys machen, bei der Du Deine Fans in die virtuelle Welt einlädst. Das ist natürlich viel, viel einfacher. Und es ermöglicht einfach mehr Interaktivität. Selbst ein einfacher Instagram Livestream führt schon dazu, dass Fans mit dem Künstler immer enger werden. So wird das hier auch sein. Neben dem klassischen großen Konzert wird es kleinere Mischformen geben. DJ Hugel hat auch erst eine kleine Q&A Session gemacht und danach fing das Konzert erst an. Das würde er so auf einem echten Konzert natürlich nicht machen. Das zerstört ja die Energie, wenn du da erst mal Fragen beantwortest. Aber in solchen Formaten funktioniert das viel besser. Deswegen sehen wir das als Ergänzung und langfristig wird es vielleicht auch sogar größer werden als echte Konzerte. Dennoch, ich bin fest überzeugt, echte Konzerte werden niemals verschwinden.

F.S. Zum Schluss die Frage nach Deinem Wunschkonzert. Wenn wir alle Möglichkeiten zusammen nehmen, von der realistischen Darstellung der Avatare, vom Tracking und von Immersion, beschreib doch mal bitte ein Konzerterlebnis, wie Du es Dir in 5 Jahren wünschen würdest.

D.F. In fünf Jahren ist erst einmal wichtig, dass wir sehr, sehr viele Konzerte und Veranstaltungen haben. Dass es eben nicht nur jede Woche mal eins ist, sondern dass man konstant hier in unserer 3D Welt auch mehrere Events gleichzeitig veranstalten werden. Genauso auch in anderen Spielen. Ich hoffe, dass es dann soweit sein wird, dass das Thema Headsets so elegant gelöst ist, dass die Leute das so entspannt tragen, wie du deine Brille gerade. Dass man es gar nicht mehr merkt, dass man so ein Ding auf hat und dass man dann entweder das Ganze zu Hause in so einer AR (Augmented Reality) Form sieht, wo der Künstler in Deinem Wohnzimmer steht und performt oder man sich komplett in eine VR (Virtual Reality) Welt begibt. Für uns ist die finale Ausbaustufe, dass es sich so anfühlt, als ob es echt ist. Und dafür ist die Live Animation der Fans und der Künstler*innen von zentraler Bedeutung. Dafür müssen sich aber auch die Headsets entsprechend entwickeln. Ich glaube, der durchschlagendem Moment wird sein, wenn Apple oder eine andere Company, die sehr gute Endgeräte baut, irgendwann so ein leichtes Headset auf den Markt bringt. Bis dahin werden wir es trotzdem weiter machen mit dem, was es jetzt schon gibt. Es lebt schließlich auch sehr von den Künstlern, die da auftreten, also von dem Content und dass wir das gut skalieren können.

F.S. Lieber Dominik, dann wünsche ich Euch viel Erfolg auf diesem Weg und bedanke mich für dieses spannende Gespräch.

Dominik Faber ist Tech-Unternehmer aus Leidenschaft und gründete Granola Studios, nachdem er 2017 sein erstes VR-Headset bekam. Er liebt Pixar-Filme, Ready Player One, Halt and Catch fire und produziert gelegentlich ein paar Hip-Hop/Jazz-Tunes.

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