Eine kurze Einführung zu virtuellen Konzerten

Das Digitale hat schon lange Einzug in die Musik gehalten. Sei es bei der Produktion und Vermarktung oder der Distribution. Konzerte hingegen galten bislang als nicht transformierbar. Zu wichtig sind dabei Faktoren, die eine menschliche Präsenz erfordern. Schlange stehen am Eingang, das Bier an der Bar und sich gemeinsam vor der Bühne drängen und den Kopf wippen lassen. All das fehlt erst einmal bei virtuellen Konzerten. Und so fristete dieses Thema, genauso wie das virtuelle Musizieren, und die dazu nötige Technologie ein Nischendasein, dass nur die Nerds begeistern konnte.

Die Covid-19 Pandemie hat auch das schlagartig geändert und das Angebot ebenso wie das Interesse an Formaten, die die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln erlauben, in die Höhe schnellen lassen. Darüber soll diese Beitrag einen Überblick geben.

Zuvor muss allerdings mit einem Missverständnis aufgeräumt werden. Auch ausserhalb der Musikbranche ist der Reflex weit verbreitet, reale Inhalte 1:1 auf digitale Medien zu übertragen. Ob Zeitungen ihr Angebot ins Internet stellen oder Konferenzen gestreamt werden. Das kann nicht funktionieren. Denn natürlich gehen dabei Aspekte verloren, die nicht oder nur schwer transformierbar sind und werden nicht ausreichend ersetzt. Damit ist das digitale Erlebnis per definition immer unzureichend gegenüber dem realen Original. Speziell und exklusiv für die digitale Version entwickelte Formate werden zwar meist gross gefeiert, bleiben aber hinter den Erwartungen zurück.

Die Schlussfolgerung darauf muss sein, dass virtuelle Angebote im Kern aus dieser Perspektive gedacht und entwickelt werden müssen.

Die Digitalisierung einer Veranstaltung ist einfach, naheliegend und machbar. Die soziale Interaktion hingegen bleibt auf der Strecke. Sie ist eben nicht die Sahne obendrauf, sondern die Torte.

Welche Möglichkeiten für virtuelle Konzerte gibt es?

Der Einstieg sind einfache, kostenlose Video-Live-streams, beispielsweise über Facebook und Instagram oder Alternativen, die eine Paywall integrieren und damit zumindest in kleinem Umfang eine Monetarisierung des Live-Konzertes erlauben.

Fragwürdig ist eine Live-Übertragung dann, wenn sie gar nicht als solche erkennbar ist, weil weder eine Interaktion mit dem virtuellem Publikum stattfindet noch andere Komponenten den Live-Charakter erkennen lassen. Denn Live-Streams bringen auch gewichtige Nachteile mit sich. Abgesehen von den Fehlern, die nicht im Nachhinein korrigiert werden können bis zu technischen Einschränkungen in Social Media, wo meist nur eine Kameraperspektive möglich ist. In diesem Fall lohnt es sich, auf Konzertmitschnitte umzusteigen und diese on-demand abrufbar anzubieten. Beispiele von Konzert- und Opernhäusern zeigen, dass dies nicht immer kostenlos sein muss.

Eine Mischung aus beiden gab es bereits bei einigen Festivals zu erleben, wo teilweise live, teilweise aufgezeichnete Konzerte mit diversen Künstlern gestreamt wurden (Global Citizen – Together at home, Trillerfest, Live from out there, Zusammenallein Festival)

Trillerfest

Together at Home

Zusammenallein

Auch im Bereich Clubmusic finden sich einige Beispiele, allen voran UnitedWeStream von der Club Commission.

Technologisch geht es natürlich auch noch einige Stufen höher. Dann reden wir von Virtual und Augmented Reality, also das Eintauchen in eine komplexere simulierte 3D Welt (VR) oder die Überlagerung, sprich Anreicherung, der realen Welt mit digitalen Inhalten (AR). Da sich hier allerlei Mischformen entwickeln spricht man auch von Mixed Reality (MR) oder, um alles unter einen Hut zu bringen, schlicht von erweiterten Realitäten (XR). Wer jetzt sofort an klobige Brillen denkt ist auf dem falschen Weg, denn viele dieser Anwendungen werden angesichts der vielfach fehlenden Hardware, noch über normale Computer, Tablets und Smartphones angeboten.

Die bislang größte Aufmerksamkeit hat Travis Scott mit seinem Auftritt in dem Shooter Game Fortnite erlangt. So genannte In-Game-Performances sind vorprogrammiert und erreichen hier auf Grund der Popularität des Spiels sensationelle Reichweiten von mehr als 12 Mio Zuschauern. Damit entsteht ein erster Eindruck dessen, was möglich und gemeint ist, wenn virtuelle Konzerte keinen Ersatz für reale Veranstaltungen darstellen. Vielmehr avancieren sie zu einem eigenständigen Genre. Ein weiteres Argument dafür lässt sich im Merchandising vermuten. Dort wo bei realen Auftritten T-Shirts und andere Devotionalien angeboten werden, verkaufen sich digitale Skins bei einem Millionenpublikum wohl fast von selbst.

Schon Anfang 2019 setzte Marshmallow mit seinem Auftritt in Fortnite Maßstäbe, die allerdings angesichts der monumentalen Präsenz von Travis Scott fast zu normal erscheinen. Den besten Eindruck liefert dieses Video eines Gamers, der live dabei war.

Post Malone x Nirvana Tribute – Livestream

Weitere Beispiele finden sich beim Coachella Music Festival im Spiel Mindcraft und, fast schon historisch beim Auftritt von U2 im Rollenspiel Second Life 2006.

Travis Scott Fortnite Concert

Wie schon angedeutet ist die Bandbreite von Lösungen immens und entwickelt sich quasi täglich weiter. Von VR Auftritten mit Live Publikum via TribeXR über 360° Videoaufzeichung von echten Konzerten, ausgespielt in VR (z.B. MelodyVR oder YouTube) bis hin zu aufwendig produzierten, komplett virtuellen Shows mit individuellem Avatar, Motion Capturing auf WaveVR oder ebenso aufwendig programmierten und gefilmten AR Anwendungen, wie die des Virtuellen Konzerthauses Berlin.

Virtuelles Konzerthaus

Was sind die beliebtesten Kanäle für Livestreams?

Beliebt sind leider, muss man wohl sagen, vor allem die Kanäle, die es zwar dem Nutzer besonders einfach machen, allerdings ebenso deutlich die Nutzer in punkto Datenschutz und Sicherheit im Regen stehen lassen.

PlattformYoutubefacebookInstagramTikToktwitch
BeispielePost Malone x Nirvana Tribute – LivestreamKadavar Studio Livestreamohwondermusicarmadamusic
ProsHohe Bekanntheit und Nutzerzahl
Einfache Bedienung
Kein  Account erforderlich
Monetarisierung ab 1.000 Subscribern (Beteiligung an Werbeeinnahmen), indirekte Abos (User abonniert Plattform)
Hohe Reichweite
Einfaches Teilen innerhalb der Community
Einfache Vorankündigung und Bewerbung der Livestreams durch Anlegen von Events
einfache Bedienung
hohe Viralität
Zuschaltend eines zweiten Streams
stark wachsende Plattform
sehr einfache Bedienung
Monetarisierung über Tipping/Donations
– Erweiterte Interaktionsmöglichkeiten für Zuschauer im Chat
– Direkte Monatisierungsmöglichkeit über direkte Abos (User abonniert Channel), Werbung, Bits (Affiliate- und Partnerstatus)
ConsInteraktion nur über einfache Live-Kommentare
Datenschutz und Privacy
Monetarisierung erst ab 10.000 Follower; Beteiligung an Werbeeinnahmen, Tipping, direct Fan Subscriptions; Paywall in Planung
Datenschutz und Privacy

keine Monetarisierungsmöglichkeit
Instagram Live nur in mobile App
Sehr junge Zielgruppe
Geringe Aufmerksamkeit,  Ablenkung 
Datenschutz und Privacy
Bekannt und vertraut v.a. in der Gaming-Szene
AlternativenvimeosnapchattrillerMixer, Caffeine, Discord, Periscope, Mixcloud
Vergleich von Kanälen für Live-Streams

Über Plattformen wie Restream ist gleichzeitiges Streamen über mehrere Plattformen möglich.

Nach welchen Kriterien ist zu entscheiden?

Nicht umsonst steht ganz oben auf der Liste der Entscheidungskritierien die Möglichkeit, mit derlei virtuellen Konzerten Geld zu verdienen. Und das völlig zu Recht. Denn keines der Formate hilft dem Künstler oder Veranstalter, abgesehen vom kurzfristigen psychologischen Effekt, wenn es keine mittel- oder langfristige und nachhaltige Monetarisierungsmöglichkeit enthält. Kostenlose Konzerte als Erfolg zu feiern ist denn auch ein kleiner Selbstbetrug.

Ebenso zu Recht stehen auf Platz 2 der Entscheidungskritierien die Möglichkeiten, mit dem Publikum zu interagieren. Jeder Künstler weiss, wie wichtig das für eine dauerhafte Fanbeziehung ist und deswegen sind Plattformen mit umfangreichen Interaktionsmöglichkeiten vorzuziehen.

Die Reichweite der Plattform selbst, aber auch die eigene Reichweite auf dieser Plattform spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Last but not least gilt es zu hinterfragen, inwiefern die Zielgruppe der Plattform dem eigenen Zielpublikum entspricht.

Wie lässt sich damit Geld verdienen?

  1. Paywall/digitales Ticket verkaufen wie bei IRL Konzert (evtl. etwas günstiger)
    • Über eigens dafür gedachte Portale wie:
    • Über Self-Ticketing Portale wie Eventbrite oder Universe und secret Social Media-Links oder Video-Konferenztools wie Google Hangout, Discord oder Zoom.
    • Über PayPal (bspw. mit private/unlisted Livestream auf YouTube.
  2. Spendenaufrufe, z.B. über PayPal (Twitch, Spotify, Tik Tok)
  3. Tipping (Bits/Cheers/Super Chat)
  4. Beteiligung an Werbeeinnahmen und Abonnements auf YouTube, Facebook und Twitch.
  5. Crowdfunded-Subscription Modell über Patreon
    • Fans bezahlen z.B. monatliche Beiträge und bekommen dazu Zugang zu exklusivem Content, bspw. Livekonzert-Streams.
  6. Merchandising
    • Über bestimmte Portale wie Twitch (gehört zu Amazon) oder Bandsintown können neben dem Livestream direkt über das Portal Merchandise-Artikel verkauft werden.
    • Wenn Ihr 360° Videos anbietet (Kameras kann man relativ kostengünstig mieten z.B. bei Grover), könnte Ihr einfache bedruckte oder bemalte VR Brillen wie Google Cardboard als Merchandise-Artikel verkaufen.
    • Schon mal daran gedacht, Atemschutzmasken mit Eurem Logo als Merch-Artikel zu verkaufen?
  7. Sponsoring
    • Ab einer gewissen Reichweite kann man sich für Product Placement im Stream von bekannten Marken sponsoren lassen (Influencer-Marketing).
  8. Live-Autogrammstunden & Fan-Meet & Greets mit Paywall (z.B. via https://fundo.area120.com/)
  9. Workshops u.Ä.: 45 minutes

Weiterführende Links:

Welche technische Voraussetzungen sollten beachtet werden?

  • Videokamera(s)
    • Professioneller wird es mit 2-3 Kameraperspektiven und einem einfachen Live-Schnitt.
  • Ton
    • Bei mehreren Musikern sollte jedes Instrument/jeder Sänger ein eigenes Mikrofon bzw. Audio-Signal haben, dass in einem Mischpult zusammen gemischt wird und dann als hochwertiger Mix über ein Audio-Interface in den Rechner gespeist wird (ähnlich wie bei einem Livekonzert oder einer Studioaufnahme).
  • Software
    • Die verwendete Plattform sollte gut beherrscht werden, z.B. Twitch, YouTube, Facebook, Zoom etc.
    • Auf Twitch muss und im professionellen Bereich sollte Zusatzsoftware zur technischen Einrichtung und Verwaltung des Streams verwendet werden wie OBS Project.
  • Licht
    • Die Szene und alle sichtbaren Musiker sollten gut ausgeleuchtet werden, wie bei einer professionellen Videoproduktion (es gibt günstige Ringlichter und Softboxen z.B. bei Amazon).
  • Internet
    • Eine stabile und leistungsfähige Internetleitung mit unbegrenzt möglichem Datenup- und -download ist Grundvoraussetzung (am besten kabelgebunden statt WLAN).
  • Dekoration/Dramaturgie
    • Das Szenenbild sollte ansprechend und hochwertig sein, evtl. zusätzlich dekoriert und auch eine vorher ausgedachte Dramaturgie, wie es auch bei einem Livekonzert der Fall wäre, hilft dabei, den Livestream hochwertiger erscheinen zu lassen und damit die Fans an sich zu binden und die Bereitschaft zu bezahlen zu erhöhen. Auch online kann man richtige Shows machen. Siehe z.B. David Guetta oder Jason Mraz. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt.

Weitere Informationen hier

Wie funktioniert das Marketing?

  • Es lohnt sich, seine Livestreams mit Hilfe anderer, reichweitenstarker Plattformen zu multiplizieren. Z.B. durch Listungen auf Seiten wie Dringeblieben, Live from Home u.ä.
  • oder indem ihr gleich ähnlich wie bei einem Festival über die Kanäle und in Kooperation mit anderen Veranstalter streamt wie z.B. United we Stream, Boiler Room, Quarantunes oder Beatport Re:connect.
  • Außerdem solltet Ihr eure Events wie sonst auch bei normalen Konzerten üblich auf all Euren Social Media-Kanälen ankündigen inkl. z.B. Facebook, Bandsintown und Songkick. Mit letzteren stellt Ihr auch die Listung Eurer Events bei Google und Spotify sicher.

Muss man GEMA zahlen?

  • Ihr müsst keine GEMA-Tantiemen zahlen, dass tun die Plattformen für Euch.
  • Die meisten Plattformen schütten nur sehr wenige Tantiemen an Urheber aus.

Weiterführende Links

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